Editorial_

Im zine von so wie superman nehmen wir die Geschichte der Prinzessin Kaguya aus der japanischen Mythologie und lesen sie als Adoptionsgeschichte. Was kann diese Geschichte uns beibringen für den Umgang mit den real betroffenen Kindern die, wie unsere Helden, ohne ihre Eltern aufwachsen. Was kann die Figur der Geschichte den Betroffenen über das Leben mit dieser biografischen Besonderheit erzählen?

Der Trennungsschmerz von der Ursprungsfamilie, die Sehnsucht, die Heimat kennenzulernen, die Suche nach der eigenen Identität sind lediglich Beispiele für Herausforderungen, mit denen Betroffenen oft auch bis ins Erwachsenenalter zu kämpfen haben. Aber sie sind damit nicht alleine. Die Helden aus den bekannten Geschichten sind mit diesem Schicksal bereits vorangeschritten.

Die Gründe dafür, dass Kinder von ihren Eltern getrennt sind, sind vielfältig. Aber die verklärte oder romantische Sicht auf Waisenkinder oder Heimkinder sorgt für Mitleid und steckt die Betroffenen in eine Opferrolle. Dabei beweisen sie alltäglich Stärke, mit den großen Fragen und Emotionen umzugehen, die Andere nur aus epischen Geschichten kennen. Mit so wie superman möchten wir zeigen, dass sie keine Opfer sind, sie kein Mitleid brauchen. Sie können wie Superman, Prinzessin Mononoke oder Luke Skywalker aktiv ihr Leben schreiben und müssen ihr Schicksal nicht verstecken.

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Dabei beweisen sie alltäglich Stärke, mit den großen Fragen und Emotionen umzugehen, die Andere nur aus epischen Geschichten kennen.

Fünf junge Männer wurden auserwählt. Sie waren voller Liebe für die schöne Kaguya, doch keiner konnte ihr Herz erwärmen

Ihr Leuchten war so stark, das es nicht mehr zu übersehen war. Sie nahm all ihren Mut zusammen und erzählte ihre Geschichte.

Die Bambusprinzessin_

 

Es war einmal ein junger Bambussammler. Er und seine Frau lebten in einem kleinen Dorf im indischen Dschungel. Das Einzige, was zu ihrem Glück fehlte, war ein Kind, doch das Elternsein sollte ihnen verwehrt bleiben. Eines Tages, als der junge Bambussammler wieder seiner Arbeit nachging und Bambusstange um Bambusstange mit seiner Machete bearbeitete, wurde er plötzlich von einem hellen, goldenen Leuchten geblendet. Er ging darauf zu und entdeckte in einem der Bambusstämme wie von Zauberhand ein kleines Baby. Es war ein kleines Mädchen, ein Geschenk des Himmels. Er nahm es mit nach Hause und er und seine Frau beschlossen, es zu umsorgen und wie ihr eigenes Kind aufzuziehen.

Über das Leuchten und ein kaltes Herz

Kaguya entwickelte sich schnell und war ein fröhliches, wildes Kind voller Tatendrang und verrückter Ideen. Obwohl sie sich nie recht den Traditionen anpassen wollte, konnten ihre Zieheltern ihr nie lange böse sein. Sie sahen mit Freude und Stolz zu wie Kaguya heranwuchs und immer schöner wurde. Manchmal kam es ihnen so vor, als würde sie noch immer golden leuchten. Schon bald verbreitete sich die Kunde über Kaguyas außergewöhnliche Schönheit im ganzen Land und junge Männer nahmen weite Reisen auf sich, um um ihre Hand anzuhalten. Doch ihr  Ziehvater wollte seine einzige Tochter nicht hergeben und wimmelte die Männer ab. Erst als er und seine Frau langsam zu altern begannen, entschloss er sich seine geliebte Kaguya zu vermählen. Fünf junge Männer wurden auserwählt. Sie waren voller Liebe für die schöne Kaguya, doch keiner konnte ihr Herz erwärmen.

Über Liebe und unlösbare Aufgaben

Um ihren Vater, mit ihrem Unwillen zu heiraten, nicht zu enttäuschen, dachte sie sich eine List aus. Jeder der Fünf sollte ihr eine seltene Gabe bringen. Derjenige der erfolgreich von seinem Abenteuer zurückkehrte, würde sie zur Frau bekommen. Der Erste sollte den Steinpokal des Buddhas finden, der Zweite ihr einen Goldbaum mit Früchten aus Edelsteinen bringen, der Dritte den Pelzmantel aus dem Fell der chinesischen Sonnenmaus und der Vierte sollte ihr einen fünffarbigen Edelstein stehlen, den ein Drache um den Hals trug. Der Fünfte bekam zur Aufgabe, die Kaurischnecke aus einem Schwalbennest zu plündern. Alle Männer scheiterten. Sie wurden zu Lügnern, Dieben oder verloren den Verstand. Einer fand auf seiner Reise sogar den Tod.

Über Einsamkeit und ein gelüftetes Geheimnis

Obwohl sie über alle Männer Verderben gebracht hatte, war Kaguya zunächst überglücklich nicht heiraten zu müssen. Doch mit der Zeit fühlte sie sich immer einsamer. Eine unerklärliche Traurigkeit und Sehnsucht erfasste sie. Ihren Zieheltern wurde es schwer ums Herz, ihre Tochter so zu sehen. Sie versuchten sie aufzuheitern, aber nichts half. Als es Vollmond wurde, konnte Kaguya ihr Geheimnis nicht länger für sich behalten. Ihr Leuchten war so stark, das es nicht mehr zu übersehen war. Sie nahm all ihren Mut zusammen und erzählte ihre Geschichte endlich ihren Zieheltern: „Ihr habt es wahrscheinlich schon immer gewusst, aber ich komme nicht von der Erde. Diesen Vollmond werde ich zu meinesgleichen auf den Mond zurückkehren. Ihr wart mir eine wundervolle Familie, doch meine Zeit hier ist nun beendet. Die Mondlinge werden kommen und ich darf mit ihnen zurückkehren“.

Über Wiedersehen und Dankbarkeit

Der Ziehvater über diese Prophezeiung schockiert und verzweifelt, wandte sich an den Kaiser. Dieser sollte eine Armee aufstellen, um die Fremden abzuwehren. Der Kaiser sagte ihm seine Unterstützung zu und stellte die größte Armee auf, die das Land je gesehen hatte. Doch es sollte nichts nützen. Als die Mondlinge die Erde betraten, blendeten ihre Strahlen die tapferen Wachen und Krieger so sehr, dass diese fast erblindeten. Kaguya, das Mädchen, das so schön war, dass es zu leuchten schien, kehrte endlich auf den Mond zurück.  Sie verabschiedete sich von ihren lieben Zieheltern und versprach ihnen ewigen Wohlstand aus Dank für ihre Liebe. Dann ging sie mit ihrem Volk. Es gab ein riesiges Fest zu Ehren von Kaguyas Rückkehr. Endlich fühlte sie sich richtig zu Hause. Und ihre Zieheltern auf Erden fanden jeden Tag Edelsteine und Gold in dem Bambushain, wo der Bambussammler einst Kaguya entdeckt hatte.

Kaguyas Schicksal teilen Millionen Kinder weltweit. Für sie ist diese Erfahrung kein Märchen, sondern eine Realität, mit der sie lernen müssen umzugehen.

Sie geben ihr Raum, sich selbst kennen zu lernen und am Ende ihren Sehnsüchten zu folgen.

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Kaguya wird in der frühen Kindheit von ihrer Ursprungsfamilie getrennt. Die Trennung von ihrer leiblichen Familie erlebt sie trotz der Liebe der Zieheltern als sehr schmerzvoll. Je älter sie wird, desto mehr erfüllt sie eine tiefe Sehnsucht nach ihrer Heimat. Kaguyas Schicksal teilen Millionen Kinder weltweit. Für sie ist diese Erfahrung kein Märchen, sondern eine Realität, mit der sie lernen müssen umzugehen.

Viele Bilder im Märchen der Bambusprinzessin können als Metaphern für Kaguyas und die reale Trennungs-erfahrung interpretiert werden, die Adoptivkinder erleben: Ihr Wachstum verläuft beispielsweise un-regelmäßig und ist nach der Aufnahme bei den Adoptiveltern beschleunigt. Moderne Studienergebnis-sen belegen, dass sich der zunächst verlangsamte kognitive und motorische Lernprozess von Kleinkindern wiederum angleicht, sobald sie eine individuelle Betreuung in einer Familie erfahren. Eine weitere Metapher ist Kaguyas leuchtende Schönheit. Diese steht für ihre Andersartigkeit, an die sie selbst und ihre Mitmenschen Tag für Tag erinnert werden. Der Verlust der eigenen Herkunftsfamilie bleibt dadurch jederzeit präsent. Physische, familiäre Ähnlichkeit ist für die Ausprägung eines Gemeinschaftsgefühls ein durchaus relevanter Faktor. Die unerfüllbaren Erwartungen an ihre Mitmenschen sind hingegen ein Schutzmechanismus, den Kaguya entwickelt hat, um von erneuten Trennungen und Verlusten verschont zu bleiben. Das zunächst unverständliche Verhalten führt wider Erwarten nicht in einen Teufelskreis voller Abweisung und Kälte. Die Zieheltern beweisen ihre Liebe weiterhin mit stoischer Akzeptanz. Sie geben ihr Raum, sich selbst kennen zu lernen und am Ende ihren Sehnsüchten zu folgen. Obwohl der Ziehvater alles versucht, um Kaguya nicht zu verlieren, muss er sie schließlich doch ziehen lassen.

Mangelnde Betreuung im Kleinkindalter, fehlende physische Ähnlichkeit mit der Adoptivfamilie und dem Umfeld sowie ein häufig ausgebildetes Nähe-Distanz-Problem auch fernab familiärer Bindungen können nur beispielhaft für die Herausforderungen und Schwierig-keiten genannt werden, die mit einer Adoption einhergehen und leider noch immer viel zu wenig Beachtung finden. Kaguya entwickelt sich letztlich von einer fremdbestimmten Figur zu einem mutigen Charakter, der für sich selbst einsteht und den eigenen Weg beschreitet. In der Realität ist diese Entwicklung ein Happy End, für das adoptierte Kinder lange und schwer kämpfen müssen.

 

Interview_

In der Geschichte verließ Prinzessin Kaguya den Mond und fand eine Familie in der ferne. Ähnlich dieser Figur,  wurde Yennifer im Alter von zwei Jahren von Kolumbien nach Deutschland adoptiert.

Heute ist sie eine Adoptiertenrechtsaktivistin und en-gagiert sie sich über ihre Kunst und diverse Projekte dafür, dass das Thema Adoption mehr Aufmerksamkeit in der Gesellschaft erfährt und differenzierter Betrachtet werden kann. Das Projekt so wie superman wurde 2017 von ihr ins Leben gerufen.

 

Wie reagieren die Menschen, wenn sie erfahren, dass du adoptiert bist?

Die meisten  finden es cool, dass ich  adoptiert bin. Manchmal  schmerzt das, weil es nicht berücksichtigt, welchen Verlust ich dadurch erlitten habe. Wenn die Neugierde nach meiner exotischen Herkunft und Geschichte die Menschen dazu treibt, mir viele Fragen darüber zu stellen, kann das sehr unangenehm sein. Das ist keine witzige Urlaubsgeschichte. Adoption gilt als etwas so Wunderbares, dass die dunklen Seiten schnell tabuisiert werden. Ein Paar, das Liebe zu geben hat und vielleicht selber keine Kinder bekommen kann, nimmt ein Kind auf, dass so dringend eine Familie braucht. Wie kann man das auch nicht mögen? Leider führt das oft dazu, dass Betroffene nicht offnen über ihre Adoptionserfahrung sprechen können.

Was sind deine Ziele für das Projekt So wie Superman? Wen willst du erreichen?

Mit dem Projekt stelle ich allgemein  bekannte Geschichten aus der Literatur und  Pop-Kultur in einen neuen Kontext. Viele Helden wie Harry Potter oder auch Protagonisten aus Filmen wie zum Beispiel Luke Skywalker oder James Bond wachsen ohne ihre leiblichen Eltern auf. Ich möchte mit meinem Projekt reale Kinder und Erwachse erreichen, die dieses Schicksal teilen. Ich möchte ihnen Repräsentationsfiguren vorstellen, die stark und mutig sind. Inspirierende Helden. Diese Helden sind so wie wir, ihre Geschichten sind unsere Geschichten. Wir müssen uns mit unserer Biografie nicht verstecken. Wir sind damit auch nicht alleine. Ich möchte auch den Angehörigen und Freunden eine Möglichkeit geben, über die Heldengeschichten einen neuen Zugang zu diesem Thema zu finden und damit auch offener und urteilsfreier umzugehen.

Was sind die gängigsten Vorurteile gegenüber deinem Heimatland?

Kolumbien wird vor allem mit Drogen und Pablo Escobar verbunden. Mit der Netflix-Serie Narcos hat Kolumbien eine neue Berühmtheit erlangt. Dass Kolumbien nach wie vor als gefährliches Schwellenland gilt, ist falsch. Medellín wurde zur Innovationsstadt 2016 gewählt und in New York City ist die Kriminalitätsrate höher als in Kolumbien.

Nehmen die Menschen hier dich als Kolumbianerin wahr oder als Deutsche?

Viele sagen, dass ich nicht aussähe wie eine Kolumbianerin. Aber wie sieht eine Kolumbianerin aus? Kolumbianer haben keine spezifische Ethnie. Die Ureinwohner wurden von den europäischen Kolonialisten beinahe ausgerottet. Diese haben ihre Sklaven aus Afrika mitgebracht und das sind nur die größten Einwanderungsbewegungen. Kolumbianer zeichnen sich gerade durch ihre Vielfältigkeit aus. Das schwierige an solchen Aussagen ist, dass sie mir Teile meiner ohne hin schon schwer konstruierbaren Identität absprechen. Ich möchte meine eigene Identität vertreten, mit der ich mich wohl fühle und nicht mein Gesprächspartner für richtig hält.

Viele deiner fotografischen Arbeiten thematisieren Identitätsfindung und Entfremdung von eigenem Selbst. Ist deine Kunst eine Art Therapie für dich?

Ich kreiere diese Bilder und Gedichte nicht bloß um meiner selbst willen. Es ist eher eine Forschungsfrage: Was bedeutet es adoptiert zu sein? Ich möchte Dinge, die nicht greifbar sind, visualisieren. Für Betroffene, für Angehörige. Auch gesellschaftlich möchte ich zum Diskurs über Adoption beitragen. Meine eigene Biografie ist dabei die Triebkraft für mein künstlerisches Schaffen. Aber es kann auch sehr selbstzerstörerisch sein, immer in seinen eigenen, existentiellen Wunden zu bohren.

Hilft dir der Umgang mit anderen Adoptierten?

Für mich war es ganz wichtig, andere Adoptierte zu treffen, mit denen ich über meine Erfahrungen und Gefühle offen reden kann, ohne mich erst mal erklären und rechtfertigen zu müssen. Der existenzielle Schmerz, der damit einher gehen kann, den können nur Betroffene selbst verstehen. Außerdem hat es mir die Welt des Aktivismus geöffnet. Dass man sich einbringen kann und gesellschaftlich etwas bewegen kann. Das Engagement und die Adoptionskunst anderer hilft mir sehr, meinen eigenen Weg ernst zu nehmen und weiter an dem Thema zu arbeiten, weil es Relevanz hat und benötigt wird. Der Zusammenhalt und die Gemeinschaft ist mir so wichtig, dass so wie superman enstanden ist, in dem auch eine Gemeinschaft gebildetet werden soll.

Was waren wichtige Schritte oder Wendepunkte in deiner Entwicklung und Sichtweise auf das Thema Adoption?

Im Internet zu lesen, dass Adoptiertsein krank machen kann und dass ich nicht einfach nur empfindlich, egoistisch oder theatralisch bin. Zu erkennen, dass Adoption nicht nur gute Seiten hat und Adoptierte keine geretteten, armen Waisenkinder sind. Dass ich auf Facebook eine Gruppe mit adoptierten Kolumbianern gefunden habe und mich dort engagieren konnte. Das war sehr wichtig für mich. Mittlerweile haben wir über das Adoptiertsein aus Kolumbien sogar ein gemeinsames Buch geschrieben und veröffentlicht. Mein Bild von Adoptionen hat sich komplett gewandelt. Ich kann mein Leben hier mit meiner deutschen Familie gut finden  und es gleichzeitig scheiße finden, adoptiert zu sein. Das ist ganz schön befreiend, auch wenn es für viele erst mal einen Widerspruch darstellt. Manchmal befürchte ich auch, dass es meine Eltern und Familie verletzt, wenn ich so offen über meine Adoptionserfahrung und eben auch die negativen Seiten daran spreche. Aber mir geht es eher um Systemkritik und darum, dass die Gefühle von Adoptierten und leiblichen Müttern anerkannt werden und einen öffentlichen Raum bekommen, ohne eine Seite von Gut oder Böse zu erzeugen.

Redaktion: Yennifer Dallmann/Villa

Text: Carina Weisweiler

Dabei beweisen sie alltäglich Stärke mit den großen Fragen und Emotionen umzugehen, die andere nur aus epischen Geschichten kennen.

Fünf junge Männer wurden auserwählt. Sie waren voller Liebe für die schöne Kaguya, doch keiner konnte ihr Herz erwärmen

Ihr Leuchten war so stark, das es nicht mehr zu übersehen war. Sie nahm all ihren Mut zusammen und erzählte ihre Geschichte.

Kaguyas Schicksal teilen Millionen Kinder weltweit. Für sie ist diese Erfahrung kein Märchen, sondern eine Realität, mit der sie lernen müssen umzugehen.

Sie geben ihr Raum, sich selbst kennen zu lernen und am Ende ihren Sehnsüchten zu folgen.

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